Weihnachtsfeiern können auch Überhand nehmen. In den letzten zwei Wochen war in fast jeder Kinder- und Jugendgruppe hier eine. Und in denen, in denen noch keine Weihnachtsfeier war, weil die Zeit gebraucht wird, um für die Krippenspiele zu proben, kommt die dann nach den hier deutlich kürzeren Weihnachtsferien. Denn, so hab ich mich belehren lassen, Weihnachten geht bis Epiphanias, also könnte man durchaus noch im Januar Weihnachtsfeiern machen. Im Gegenteil, es sei sogar gut, dass sich die Kinder bewusst würden, dass Weihnachten nach den Feiertagen noch nicht vorbei ist. Vielleicht ist es gut, dass es auch mir bewusst worden ist.
Ich kann Lebkuchen nicht mehr sehen. Das schöne ist, dass man auf jeder Weihnachtsfeier das gleiche machen kann, also sich der Vorbereitungsaufwand in Grenzen hält. Ich hab in jeder Gruppe eine Weihnachtsquizshow gehalten, bloß halt je nach Altersstufe in unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen. Natürlich als echter Quizmaster mit Jacket, sodass sich der Anzug aus dem Internet, den ich ursprünglich für den Männerchorauftritt am 4. Advent besorgt hatte, schon vorher rentiert hat.
Dieser Auftritt wird einigermaßen lustig werden. Die komplette (gesungene) Lithurgie (das sind die feststehenden Bestandteile eines Gottesdienstes, die in jedem Gottesdienst im Prinzip gleich sind, zB Credo, Kyrie usw) kommt von uns, zusätzlich ein paar EG-Lieder. Und das ganze auf einem musikalisch hohen Niveau, dass ich Schwierigkeiten habe, die richtigen Töne zu singen. Dazu kommt in vielen Fällen die Tatsache, dass der Text in dieser schönen alten Schrift geschrieben ist, die bei Asterix die Goten benutzen. Für mich bedeutet das, dass ich eigentlich meine volle Aufmerksamkeit auf den Text richten muss, womit sich die Trefferquote bei den Noten nochmals verringert.
Außerdem haben wir die Lieder kaum geübt, weil alle Mitglieder außer mir schon seit Jahren in dem Chor sind und alle Lieder schon kennen. Ich freu mich drauf.
Der Gemeindechor hat am 3. Advent alle Chorstücke aus Bachs Weihnachtsoratorium aufgeführt, zusammen mit dem Sinfonieorchester Markneukirchen. Eine Stadt, die sich Musikstadt nennt, muss halt ein Sinfonieorchester haben, auch wenn sie nur 8000 Einwohner hat. Sowohl das Orchester als auch der Chor wird vom Kantor hier in der Gemeinde geleitet. Es ist schon erstaunlich, was da zustande gekommen ist. Ein anderthalbstündiges Konzert, dass sich hinter dem Kölner Sinfonieorchester nicht unbedingt zu verstecken braucht. Es war dann auch ziemlich voll in der Kirche. Das ganze war ja auch gratis.
Wir hier in der WG haben keinen Weihnachtsbaum. Wäre auch nicht besonders sinnvoll gewesen einen aufzustellen, denn mein Mitbewohner ist schon seit gestern in Dresden bei seiner Familie und ich fahre am 25. frühmorgens nach Hause. Aber weil ich die riesigen Weihnachtsbäume in 2 von den 3 Kirchen, die hier zusammengelegt sind, mit aufgestellt habe und das ganze ziemlich viel Arbeit war (man sollte sich das Ding nicht auf den Kopf fallen lassen), und weil ich die ganzen Krippenspiele mitvorbereite und die ganzen Geschenke für die Mitspieler einwickeln musste, hab ich ein wenig über die ganzen Weihnachtssymbole nachgedacht.
Dass Weihnachten viel zu kommerziell geworden ist, und dass man hinter Weihnachtsmärkten, Schlussverkäufen, Geschenken, Werbeflyern und speziellen Weihnachtsprodukten wie Mandarinen, Nüssen, Marzipankartoffeln, Lebkuchen, Plätzchen, roten Bommelmützen und Deko kaum noch erkennen kann, warum es Weihnachten eigentlich gibt, darüber beschweren sich viele, auch Kirchenvertreter, regelmäßig.
Ich denke aber, dass es auch noch eine zweite Gefahr für den eigentlichen Sinn von Weihnachten gibt, nämlich dass die ganzen Symbole, die es zu Weihnachten gibt, nicht die Leute auf Weihnachten hinweisen, sondern für die Leute das sind, was Weihnachten ausmacht.
Wenn ich als Kind einen Adventskalender hatte (und dieses Jahr ist nach Kanada erst das zweite Jahr, dass ich keinen habe), hab ich nicht die Tage runtergezählt, bis wir feiern, dass Gott sich für uns als Mensch greifbar gemacht hat, sondern runtergezählt, bis es Geschenke gibt. Die gute Idee hinter dem Kalender funktioniert nicht. Geschenke sind das nächste Problem. Doch wenn ich mich darüber zu sehr beschwere, könnte das für mich negative wirtschaftliche Konsequenzen haben.
Ein Weihnachtsbaum steht, wenn ich mich richtig erinnere, was ich für keineswegs ausgemacht halte, mit seiner lebendigen grünen Farbe für das neugeborene, lebende Jesuskind. Aber wer sieht einen Weihnachtsbaum und denkt an die Geburt Jesu? Ich denke an die vielen Millionen abgeholzten Bäume (und ich bin sicher kein Umweltfanatiker) und an nicht besonders sinnvoll investierte 10-25 Euro.
Mein persönlicher Favorit: Kitschige Engel. Ich weiß nicht, wie es dazu gekommen ist, dass bei uns Engel kleine pausbäckige Babys mit Flügeln und goldenen Locken sind, die eine kleine Harfe tragen und mit "Engelsstimme" also Knabenchorsstimme singen. Der Jugendpfarrer aus meiner Gemeinde in Kanada schreibt mir aus der Seele: http://smallworship.wordpress.com/2012/12/18/stop-putting-dresses-on-the-heavenly-host/
Für alle, die ungern ihr Englisch trainieren eine Kurzzusammenfassung: Engel sind nicht hübsch und kitschig. Warum sonst hätten die Hirten in der Weihnachtsgeschichte Angst vor dem Engel haben sollen. Engel sind die Soldaten und Boten Gottes, die seinen oft für uns unverständlichen Plan ausführen. "Da zog ein Engel des Herrn aus und schlug im Lager von Assur 185000 Mann. Und als man früh am Morgen aufstand, siehe, da fand man sie alle tot, lauter Leichen." - Jes. 37,36. Soviel zu niedlichen Engeln...
Auch die Krippenszene dürfte nicht so romantisch und friedlich gewesen sein, wie man allgemein meint. Erstmal steht in der Bibel nichts von einem Stall oder Tieren, es gab auch kein Reittier für die hochschwangere Maria. Eine Futterkrippe auf freiem Feld in Wind und Wetter ist wahrscheinlicher. Und auf freiem Feld ein Kind zu bekommen dürfte selbst zu damaligen Verhältnissen ein hygienische Katastrophe gewesen sein. Maria wird nicht so friedlich und ordentlich und sauber dagestanden haben, als die Hirten kamen. Die Weisen und die Hirten dürften sich nie gesehen haben. Und danach kommt die Flucht vor Herodes Leuten, die die kleinen Kinder vorsorglich einmal umbringen wollten.
Ich denke, dass Weihnachtssymbole, obwohl sie mal aus frommen Gründen eingeführt worden sind, sich heute verselbstständigt haben und den eigentlichen Grund, Weihnachten zu feiern, verdecken. Interessanterweise sind es gerade die Kirchen, die diese Bräuche und Symbole pflegen und politisch auf die Barrikaden gehen, wenn auch nur ein wenig davon eingeschränkt wird (siehe War on Christmas), in den USA, aber auch hier in Deutschland.
Genug gerantet (hihi). Euch allen frohe und gesegnete und bewusste Weihnachten.
PS: Unten 2 Bilder, wie es hier nach einem Tag Schnee aussah. Das ist bloß jetzt schon ein paar Wochen her, aber das Programm hier hat sich geweigert, die Bilder anzunehmen, bis ich es überlistet habe. Ich weiß immer noch nicht, warum es jetzt geht.
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